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Lehrer auf Fortbildung: „Erinnern an Holocaust und Widerstand in Südfrankreich“ (08.​06.​2025)

Tagungszentrum und zugleich Unterbringungsstätte für uns alle war das „Foyer International d‘Études Françaises“ (FIEF) – 1961 von Ernest Jouhy (1913-1988), einem deutsch-französischen Grenzgänger, als Forum für Begegnung und interkulturellen Austausch gegründet. Jouhy hatte 1933 dem nationalsozialistischen Deutschland den Rücken gekehrt und sich in Frankreich bei der Betreuung unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge engagiert. Seit 1940 Mitglied der Résistance, arbeitete er nach dem Krieg in Frankreich in der Heimerziehung und dann an der Univ. Frankfurt in der Reformpädagogik. Er gilt als einer der Begründer des interkulturellen Lernens. Das FIEF, das als Ort bis heute symbolisch für den Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg steht, bietet sich somit besonders für deutsch-französische Begegnungen von Schüler:innen und Lehrkräften an.

 

Im Zentrum des einwöchigen Programms stand die Busfahrt zu zwei zentralen Gedenkorten in Südfrankreich: Am Montag besuchten wir das ehemalige Lager Les Milles bei Aix-en-Provence, an dessen Stelle sich seit 2012 die Gedenkstätte „Site Mémorial du Camp des Milles“ befindet. Les Milles, eine ehemalige Ziegeleifabrik, diente in einer ersten Phase 1939/40 als Internierungslager für deutsche Emigranten in Frankreich, unter ihnen prominente Literaten und Künstler wie Lion Feuchtwanger oder Max Ernst.

 

Während der deutschen Besatzungszeit 1940-1944 fungierte das in der zunächst unbesetzten Südzone gelegene Les Milles dann als „Transitlager“ für Auslandsreisende. 1943/44 schließlich wurde es zu einem Deportationslager, von dem aus, unter französischer Mithilfe, jüdische Häftlinge, darunter viele Kinder, über Drancy bei Paris in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt wurden.

 

Am Donnerstag ging es in den Vercors, ein abgelegenes Gebiet in den französischen Seealpen. Die mit dem Auto noch immer schwer zugängliche Hochgebirgslandschaft diente vor allem in den Jahren 1943/44 der Résistance als Rückzugsgebiet. Sie verteilte sich damals dezentral auf die verschiedenen Orte der Berglandschaft. Kommunikation und Versorgung erfolgten durch die bäuerliche Bevölkerung der entlegenen kleinen Dörfer, die der französischen Kollaborationsregierung in Vichy eher reserviert gegenüberstand. Dennoch kam es kurz vor Abzug der Deutschen im Juli 1944 zu einer schweren militärischen Auseinandersetzung mit den Besatzern, der damals viele vor allem junge Kämpfer zum Opfer fielen.

 

Unser Besuch führte uns zunächst in das hoch gelegene, bunkerartig angelegte 1994 gegründete staatliche „Mémorial de la Résistance en Vercors“. Anschließend fuhren wir zu einem Anfang der 1970er-Jahre von einem früheren Résistance-Kämpfer eröffneten Museum im nahen Örtchen Vessieux-en-Vercors, das an seine ehemaligen Mitstreiter und vor allem an die von ihnen erbrachten Opfer erinnern soll. Das ursprünglich private Musée, das im Sommer von vielen Touristen auch aus Deutschland besucht wird, befindet sich mittlerweile in Händen der Departementverwaltung und wird in den nächsten Jahren unter hohem finanziellem Aufwand modernisiert.

 

Dazwischen besuchte uns am Mittwoch im FIEF Anne Lachens, eine „Zeitzeugin“. Sie erzählte uns von ihren Großmüttern, Marguerite Soubeyran und Cathérine Krafft, die als Internatsleiterinnen von Beauvallon, einer Reformschule im nahe gelegenen Dieulefit, während der Besatzungszeit über 1.500 Juden und politisch Verfolgte versteckt und so vor der Deportation gerettet hatten. Vor allem in den Kriegsjahren 1943/44 waren allein die Schule und die nahe gelegene „Pension Beauvallon” von „Tante Marguerite“ Zufluchtsort für hunderte Verfolgte.

 

Bei der Auswertung der an Ort und Stelle gewonnenen Eindrücke in den Räumen des FIEF ging es zum einen um generelle Fragen der Gedenkstättenpädagogik: Passen die vor Ort vorgefundenen Ideen und Konzepte noch in eine Zeit, in der kaum mehr Zeitzeugen zur Verfügung stehen und das Lernverhalten junger Menschen in einer von Social Media und Fake News geprägten Medienwelt starken Veränderungen unterworfen ist, um die Erinnerung an Verfolgung und Leiden in der NS-Zeit wach zu halten?

 

Zum anderen wollten wir im persönlichen Gespräch in Erfahrung bringen, ob sich angesichts des europaweiten Erstarkens rechtsnationaler politischer Kräfte, in Frankreich des Rassemblement National, die Gedenkstättenarbeit in Zukunft womöglich warm anziehen muss? Hält ein „stärker positiv“ akzentuiertes nationales Geschichtsbild – neben dem genehmen Andenken an den „Widerstand“ – auch die Erinnerung an die „Kollaboration“ mit den Nazis bei der Judenverfolgung aus? In Les Milles ließ sich ein Verantwortlicher der Gedenkstättenleitung jedenfalls ziemlich kurzfristig entschuldigen. Der bestens Deutsch sprechende Museumsleiter in Vessieux wiederum, der sich viel Zeit für uns nahm, versuchte unsere Bedenken zu zerstreuen. Also nur wieder einmal zu viel „German Angst“ – oder ist man, aus gegebenem Anlass, bei uns eben doch für dieses Thema besonders sensibilisiert?

 

Nicht der Rede wert ist, dass wir während der Woche bei der Köchin im FIEF buchstäblich bestens aufgehoben waren und mit großartiger biologisch angehauchter, regionaler Vollwertküche (mit und ohne Fleisch) bei Laune gehalten wurden. Auch hierfür großen Dank an die Seminarleitung! Und das Wetter war, wie man es von der Provence im Frühling erwartet: nach einem kühlen Morgen ein sonniger Mittag und Nachmittag! Ob Ernest Jouhy ein gutes Wort für uns eingelegt hat?

 

Dr. Hubert Roser

 



 

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